Honda Monkey Comeback des Mikroflitzers

Vom Vergnügungspark auf die Straße - die Honda Monkey hat eine seltsame Karriere hinter sich. Der Spaßfaktor bleibt hoch. Nur eine Sache haben die Entwickler bei der Neuauflage des Motorrads vergessen.

Honda

Von


Die Honda Monkey ist ein kleines Motorrad, das den Fahrer vor große Fragen stellt. Ob ich durch diese Lücke komme? Natürlich! Soll ich auf dem Bordstein rechts am Stau vorbeirollen? Gehen würde es ohne Probleme! Jedes Mal, wenn ich auf der Monkey sitze, kommt mir eine neue Schnapsidee in den Sinn, muss sich die Vernunft mühsam gegen den Instinkt durchsetzen. Schuld daran ist die Kombination aus einem Wendekreis von unter zwei Metern und dem leichten Handling.

Vor meinem inneren Auge erledige ich bereits den Einkauf im Supermarkt entspannt auf der Monkey, anstatt vor der Tür abzusteigen und von Regal zu Regal zu trotten. Am nächsten Morgen fährt mein neues, hypermobiles Ich wie selbstverständlich auf dem Retromoped in den Aufzug und bis an den Schreibtisch. Während ich den veränderten Alltag als motorisiertes Fabelwesen - oben Mensch, unten Monkey - gedanklich durchspiele, verschwende ich dank der griffigen Reifen keinen Gedanken an das wellige, etwas feuchte Kopfsteinpflaster unter mir.

Kein digitaler Schnickschnack

Das reduzierte Wesen der Monkey macht die Gedanken frei. Draufsetzen, Schlüssel drehen, losfahren. Unnötige Menüs, Displays oder Ähnliches gibt es nicht. Ein digitales Rundinstrument enthält Tacho, Kilometerzähler und Tankanzeige - das war's. Das Instrument und der elektrische Starter sind die beiden merkbaren Neuzugänge des Monkey-Remakes.

Das einfache Grundrezept ohne jeden Schnickschnack sorgte 1961 für den Durchbruch der Monkey. Ursprünglich war das Winz-Rad gar nicht als Straßenmaschine gedacht, sondern stammt aus einem Vergnügungspark. Damals fertigte Honda die ersten Exemplare für den Tama-Tech-Park in Tokio - als Attraktion für Kinder. Das Moped begeisterte jedoch vor allem die erwachsenen Besucher, 1963 kam deshalb eine Variante mit Straßenzulassung auf den Markt.

Verrenkungen für 100 km/h

Mit ihren Vorfahren hat die aktuelle Monkey jedoch nur den Namen und die Optik gemeinsam, technisch basiert sie auf der Honda MSX 125. So leistet der luftgekühlte Einzylinder der Neuauflage nicht mehr allzu kindgerechte 9,4 PS. Die stehen zwar erst bei 7000 Umdrehungen pro Minute zur Verfügung, das Drehmoment von 11 Nm jedoch bereits bei 5250 - so lässt man andere Roller im Stadtverkehr meist problemlos hinter sich.

Knapp zehn PS mögen für gestandene Motorradfahrer zwar nach müdem Innenstadtgerutsche klingen, doch auch am Ortsausgang punktet die Monkey. Bis 80 km/h geht es sehr flott dahin. Vor allem enge, kurvige Landstraßen bringen jede Menge Spaß, gerade bei schlechtem Belag. Ums Tempolimit muss ich mir keine Sorgen machen, die Höchstgeschwindigkeit des Bikes liegt bei 90 km/h. Nur in einer windschlüpfrigen Haltung sind knapp über 100 Sachen möglich.

Bei dieser Gangart wird die Monkey allerdings zum Mini-Schluckspecht: Aus dem von Honda versprochenen, realistischen Verbrauch von 1,5 Litern auf 100 Kilometer werden bei sportlicher Gangart eher 2,5. Der kurze Tankstopp ist jedoch verschmerzbar - und bietet dem Testfahrer Gelegenheit, die vielen versteckten Retro-Spielereien des Maschinchens zu begutachten.

Zeitmaschine mit kleinen Schwachstellen

Neben der Zweifarblackierung und jeder Menge Chromteile bringen vor allem Details wie das dreidimensionale Honda-Logo auf dem Tank und der weiße Schriftzug an der Rückseite des gesteppten Sitzes den Charme der Siebzigerjahre zurück. Garniert wird er mit einem Schuss Gegenwart in Form der schönen LED-Beleuchtung. Durch das ABS, das ein Abheben des Hinterrads aufgrund des kurzen Radstands verhindert, ist das knapp 4000 Euro teure Spaßmoped vollkommen im Jetzt angekommen. Beinahe jedenfalls.

Denn es gibt zwar viel Gutes an Hondas Mikro-Zeitmaschine, trotzdem nerven ein paar Kleinigkeiten: Das Getriebe ist sehr hakelig, es gibt im Gegensatz zum Roller keinen Stauraum, das digitale Display spiegelt - und nach einer Bodenwelle entledigte sich das Testexemplar klappernd einer Kunststoffabdeckung, zur Belustigung der Gäste einer Dönerbude am Straßenrand.

Fotostrecke

12  Bilder
Honda Monkey: Rückkehr des Mikroflitzers

Diese Kleinigkeiten werden jedoch von einem Grundproblem der neuen Monkey überschattet: Sie macht zwar Spaß, und ihr Retrolook überzeugt - am Ende ist sie aber wie ein Remake eines klassischen Actionfilms. Wenn die Sause vorbei ist, bleibt das Gefühl zurück, nichts Neues erlebt zu haben. Aufbruch in die Zukunft? Fehlanzeige.

Dabei wäre das Rezept dafür so einfach wie genial gewesen: Zum Retrodesign und den modernen LED-Scheinwerfern noch zwei oder drei in der Retrohülle versteckte, tragbare Akkus, einen E-Motor direkt ans Hinterrad - und die Monkey wäre ein deutlich besseres Gesamtpaket.

Denn einmal passt kein Antrieb besser zu einem Innenstadtflitzer als der unmittelbar beschleunigende E-Motor, der die Anwohner auch vom angestrengten Knattern des Einzylinders erlösen würde. Vor allem aber hätte die Monkey dadurch eine Botschaft, die auch nach dem Absteigen hängen bleibt: Dass unvernünftige, kleine Flitzer kein Relikt der Vergangenheit sind.

Fahrzeugschein
Hersteller: Honda
Typ: Monkey
Karosserie: Motorrad
Motor: Luftgekühlter Einzylinder
Getriebe: Viergang-Schaltgetriebe
Antrieb: Heck
Hubraum: 125 ccm
Leistung: 9 PS (7 kW)
Drehmoment: 11 Nm
Höchstgeschw.: 90 km/h
Verbrauch (ECE): 1,5 Liter
CO2-Ausstoß: 34 g/km
Gewicht: 107 kg
Maße: 1710/755/1030
Preis: 4.090 EUR


insgesamt 38 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
2cv 15.03.2019
1. Monkey, Dax und auch RV90/125...
Die Monkey, aber noch mehr die Honda Dax und die eher unbekannte RV 125 (die es auch als 50 und 90 gab) können eines: Spass vermitteln. Ich habe seit Jahren eine RV125 und geniesse jede Minute auf dem in USA auch als "Sand-Bike" verkauften Zweirad. Der Name ist Programm: 5 (!) Gänge bis auf gute 70km/h, Bridgestone-Stollenreifen, Kickstarter bis hin zu Schneeketten (!): was mehr braucht der Gauloises rauchende Nonkonformist? ;) schönen Tag noch den Weichgespülten.
super-m 15.03.2019
2.
Danke, Honda. Danke, dass nicht noch eine Ikone mit einem E-Motor vergewaltigt wurde und das Erbe der Monkey nicht ruiniert wurde. Ohne das charakteristische Knattern wäre eine E-Monkey nur eine nur ein 0815 E-Roller mit einem berühmten Modellnamen. Eine Monkey war schon immer irgendwie von gestern - gerade das ist es auch, was den Charme ausmacht. Ich freue mich schon darauf, im nächsten Sommerurlaub für ein paar Tage endlich wieder eine "echte" Monkey mieten zu können, anstatt auf irgendwelche Chinakracher zurückgreifen zu müssen.
hanshanshans 15.03.2019
3. Schade,
der Autor kennt eine echte Monkey gar nicht. Dann wäre ihm nämlich aufgefallen, daß sich der Lenker nicht mehr nach Lösen der beiden großen Schrauben (mit der Hand) runterklappen läßt. Sie paßt dann besser in den Kofferraum. Diese neue Monkey hat einen ganz normalen, ungeteilten Lenker. Und sie ist nicht grün.
sändling 15.03.2019
4. Ein Detail vergessen …
Das Schwestermodell MSX 125, das nicht ganz so retro, aber ansonsten genauso praktisch, flott und witzig ist, hat neben dem günstigeren Preis noch einen weiteren wichtigen Vorteil: Sie ist für zwei Personen zugelassen, die Monkey nicht. Und da die MSX eine längere Sitzbank hat, hat man sogar ausreichend Platz. Viele MSX- und Monkey-Käufer hängen das Ding ja ans Wohnmobil, und da ist es schon hilfreich, wenn man das ein oder andere Familienmitglied auf kleinen Erkundungstouren mitnehmen kann. Und um seine Kids von der Schule abzuholen, ist die MSX ebenfalls genial! Viel besser, als im Kingsize-Panzer die Schulzufahrt zu verstopfen.
omguruji 15.03.2019
5. 2. Zündkerze?
Ich sah gestern eine Monkey in der Stadt und staunte über eine Art zweite Zündkerze unten am Zylinder. Oder hat sie etwas mit dem Öldruck oder der Temperatur zu tun?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.